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Syrischer Kollege ist gut angekommen

Wie der DRK-Kreisverband Biberach einen Anästhesiepfleger aus Daraa ins Team integriert hat

Foto: Elmar Grathwohl

In Syrien hat Hammdan Abazzed in einer Klinik gearbeitet: Er war Anästhesiepfleger im Operationssaal. 2015 kam er nach Deutschland. Heute arbeitet der 39-jährige Syrer beim Kreisverband Biberach des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Rettungsdienst. Die Prüfung zum Rettungssanitäter hat er geschafft, Sprachschwierigkeiten überwunden und soeben einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben.

Als Hammdan Abazzed nach der Flucht in Deutschland ankam, mit seiner Frau und drei Kindern, war seine Berufsausbildung plötzlich nichts mehr wert. Sieben Jahre hatte er zuvor als Anästhesiepfleger im Krankenhaus von Daraa gearbeitet, der Hauptstadt eines Gouvernements im syrischen Südwesten. In Deutschland hätte er die komplette Ausbildung wiederholen müssen. Er entschied sich anders. Er besuchte die Sprachschule und fing im Sommer 2018 beim DRK in Biberach an.

Jetzt ist Hammdan Abazzed geprüfter Rettungssanitäter. Dass das gemeinsame Ziel erreicht wurde, lag auch daran, dass man sich eine Strategie überlegt hatte: nur keine Hektik. „Wir haben gesagt, wir geben ihm die Zeit, die er braucht, um seine Ausbildung zu absolvieren, und auch alle Unterstützung“, berichtet Andreas Braungardt, Leiter der Rettungswache Biberach.

Wenn jemand Deutsch als Muttersprache spricht, kann man die Schritte der Ausbildung normalerweise dichter hintereinander packen. Hammdan Abazzed begann wie viele Kollegen damit, im ersten Schritt die Ausbildung zum Rettungshelfer zu absolvieren. Das ist ein Theorieblock, gefolgt von Praktika in Klinik und Rettungsdienst. Daran hängen andere gleich den zweiten Schritt an, die nächsthöhere Qualifikation zum Rettungssanitäter – er nicht. „Wir haben für ihn drei Monate gestreckt auf zwei Jahre“, erklärt Andreas Braungardt. So lange hat Abazzed sich eingearbeitet und eingelebt, seine sprachlichen Fähigkeiten ausgebaut, sich vertraut gemacht mit der Arbeitsweise, den Fachbegriffen, dem völlig anderen Rettungsdienst-System und dem Team in der Rettungswache Biberach.

In Syrien, so erzählt Hammdan Abazzed, ist es nach einem Autounfall am besten, wenn man Verletzte einfach ins nächstbeste Auto legt und schnell in die nächste Klinik fährt. Es gibt zwar Rettungswagen – aber sie kommen sehr spät. Oder auch gar nicht, je nachdem, wie ländlich man wohnt. „Hier in Deutschland ist das viel besser aufgebaut.“

Was für ihn leicht war: Medikamente. Die heißen nämlich fast gleich, dadurch hatte er gleich einen Wissensvorsprung. Alles andere musste er neu lernen, die Alltags-Sprache zur Verständigung mit den Patienten ebenso wie sämtliche medizinischen Fachausdrücke. „Ich übersetze innerlich den ganzen Tag“, sagt er. Die Sprache wurde für ihn zur höchsten Hürde. Mit seinen Kollegen klappt es inzwischen wunderbar. Mit Patienten, die sehr stark schwäbisch sprechen, tut er sich manchmal noch schwer – aber auch da gelingt die Verständigung, weil er einfach nochmal nachfragt.

Das tun umgekehrt auch die Patienten. „Viele wollen wissen, wo ich herkomme“, berichtet er. Aber es bleibe immer freundlich und interessiert. Rassismus habe er keinen erlebt, sagt er. Und inzwischen hört er auch immer öfter: „Du sprichst gut deutsch!“ Viele sind einfach neugierig, wie man es in einer fremden Sprache im medizinischen Bereich schaffen kann.

Sprache war immer das große Thema. Da auf der Rettungswache Biberach niemand seine Muttersprache beherrscht, war auch nie jemand da, der bei den anfänglichen Sprachbarrieren helfen konnte. Und ja, es war holperig. Was haben sie dann gemacht, wie sind sie weitergekommen? „Wir haben die Hände genommen – und das Handy!“ Online kann man jedes Wort nachschauen und den Kollegen im Zweifel auch einfach das Handy mit dem gesuchten Wort oder der Erklärung unter die Nase halten.

Solche Tricks braucht heute keiner mehr. Dass Hammdan Abazzed die neue Sprache meistert, war tatsächlich das A und O für seine Zukunft beim DRK: Bei Einsätzen müssen sich Rettungskräfte immer schnell, klar und eindeutig verständigen können. Er muss auch andere Kollegen präzise anleiten können. Erst als das gut klappte, wurde er im Herbst 2019 angemeldet für seine nächsten Ausbildungsschritte.

Dieses Timing hat sich bewährt: Die Prüfungen – schriftlich, mündlich, praktisch – hat er alle gut bewältigt. Die Urkunde ist inzwischen eingetroffen, und der DRK-Kreisverband hat dem Kollegen vor Kurzem auch einen neuen Arbeitsvertrag vorgelegt, einen unbefristeten. Je zur Hälfte fährt er Rettungsdienst und im Krankentransport. Hammdan Abazzed ist angekommen.

Beim DRK-Kreisverband freut man sich, dass diese Integration gut gelungen ist. Zumal darin ein Lösungsansatz für ein grundlegendes Problem stecken könnte: „Wir haben im Gesundheitswesen ja immer mehr Probleme, Personal zu finden“, sagt Michael Mutschler, der für den Rettungsdienst zuständige Geschäftsführer des Kreisverbands. „Wenn wir jemanden gewinnen können wie Hammdan Abazzed mit seinen Vorkenntnissen im medizinischen Bereich, dann bringt das auch uns voran. Wir wollen auch in Zukunft gern Kollegen mit internationalen Wurzeln in unser Team integrieren.“

6. Juni 2020 11:29 Uhr. Alter: 32 Tage